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Litfasssäulen werden zu Kunstobjekten

Aus über 40 Einsendungen hat eine Jury einstimmig die Gewinnerprojekte zur künstlerischen Neugestaltung von zwei Litfasssäulen in Frauenfeld ausgewählt. Lucas Peters, Frauenfelder Architekturfotograf in Zürich, und der Künstler Michael Holzwarth aus Berlin werden die beiden Säulen zu Kunstobjekten umgestalten.

Im letzten Dezember hat das städtische Amt für Kultur einen Wettbewerb ausgeschrieben zur künstlerischen Neugestaltung der beiden Litfasssäulen Altweg/Bahnhofstrasse und Rhein-/Industriestrasse. Eingegangen sind 42 Einsendungen mit teils äusserst originellen Vorschlägen zur Verschönerung der Säulen. Sie reichten vom Belassen im Rohzustand oder einem metergrossen Durchbruch in der Mitte der Säule über mechanische Aufbauten und hydraulische Ergänzungen bis zu allen Arten von kunstvollen Gemälden, Fotografien, Collagen, teils mit philosophischen oder politischen Texten.

Ort der Interaktion

Die sechs Jurymitglieder hatten sprichwörtlich die Qual der Wahl. Schliesslich haben sie sich einstimmig für die Ideen von Lucas Peters und Michael Holzwarth entschieden. Lucas Peters, Architekturfotograf in Zürich mit Frauenfelder Wurzeln, will das Raumelement Litfasssäule – als Baudenkmal wie auch als Ort der Interaktion – wieder ins Bewusstsein der Passanten rücken und auf die Veränderung der Art, Informationen zu konsumieren, hinweisen. Dazu lässt er die Werbesäule golden erscheinen. So reagiert sie auf die jeweiligen Lichtverhältnisse und fällt durch magische Leucht- und Reflektionskraft auf.

Menschen zeitlos abbilden

Der Berliner Künstler Michael Holzwarth geht von der Litfasssäule als Ort menschlicher Abbildungen aus. Wo früher Bilder von Personen auf Theatervorstellungen und ähnliches hingewiesen haben, also rasch wechselnd und zeitgebunden, sollen nun Menschen zeitlos abgebildet werden. Dazu wählt er das photochemische Verfahren von Blauschatten: Personen legen sich vor Ort auf Fotopapiere, worauf Bilder entstehen, teils verschwommen, teils so fein, dass man einzelne Härchen erkennt. Diese bläulich gefärbten Aufnahmen sollen dann wie früher die Plakate an der Litfasssäule angebracht und wind- und wetterfest lackiert werden.

Ausschreibung gelangte nach Berlin

Die beiden Litfasssäulen in Frauenfeld sind rund einhundert Jahre alt und seit langem ungenutzt. Die Idee des städtischen Wettbewerbs war es nun, mittels dieser stolzen Baudenkmäler niederschwellig künstlerische Inputs ins Stadtbild zu bringen, die überraschen, erfreuen oder auch Fragen aufwerfen und Denkanstösse geben sollen. Auf den verschlungenen Wegen des World Wide Web gelangte die Frauenfelder Ausschreibung offenbar bis nach Berlin. Die Hälfte der Projektvorschläge kam aus der deutschen Hauptstadt, ein Viertel aus dem übrigen Deutschland und ein Viertel aus der Ostschweiz, davon fünf aus Frauenfeld. Unter den Teilnehmenden waren ziemlich genau gleich viele Frauen wie Männer vertreten.

Kompetente Jury

Die Kosten für die Umgestaltung der zwei Litfasssäulen belaufen sich gesamthaft, inklusive der beiden Künstler-Honorare und aller Materialkosten, auf etwa 5000 Franken. Die Jury bestand aus Sabina Ruff, Bereichsleiterin soziokulturelle und sozialraumorientierte Stadtentwicklung, Carole Isler, Künstlerin und Kuratorin, Anna Villiger, Kunstvermittlerin, Stadtarchitekt Christof Helbling sowie Johannes Eiholzer und Christof Stillhard vom Amt für Kultur.

Werbeflächen gegen Wildplakatierung

Die Säulen für Plakatwerbung haben ihren Namen von Ernst Litfass, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Berliner Behörden diese Art von Werbeflächen vorschlug, um der damals grassierenden Wildplakatierung entgegenzuhalten. Nach jahrelangen Verhandlungen bekam Litfass 1854 die Genehmigung für seine «Annoncier-Säulen», bis 1865 sogar als Monopol.